Den Geist der Vielfalt und der Inklusion aufnehmen

Wie gestalten wir heute eine zukunftsfähige attraktive und lebendige Kirche in Essen, die sich ausrichtet am Wort Gottes? Diese Frage bewegt mich angesichts der Prozesse, die wir aktuell bearbeiten müssen. Auf dem Weg zu einer Kirchenkreiskonzeption haben wir auf unserer Sondersynode im vergangenen Jahr formuliert:

Evangelisch in Essen.
GEMEINSAM verantworten. VIELFÄLTIG gestalten. MUTIG verändern.

Gleichzeitig haben wir unsere Absicht deutlich gemacht, die Inklusion im Kirchenkreis zu fördern – und dafür einen Arbeitskreis gegründet, dessen Vorschläge in den Konzeptionsprozess einfließen werden.

Ich persönlich habe die Vision, dass wir gemeinsam eine Konzeption erarbeiten, die den Geist der Vielfalt und Inklusion aufnimmt. Dass wir es schaffen, Inklusion als „Kunst des Zusammenlebens von sehr verschiedenen Menschen“ in unserer Konzeption zu verankern. Wir haben uns zur Inklusion bekannt – als Wertschätzung von Vielfalt, die ermöglicht, dass Menschen gut vernetzt zusammen leben, lernen, arbeiten und wohnen. Dass wir miteinander Kirche sind!

Ich möchte dazu ermutigen, sich auf den Weg zu machen. Hin zu Menschen mit Beeinträchtigungen, zu Menschen aus anderen Milieus – und hin auch zu Menschen, denen Kirche fremd geworden ist. Wie können wir Beteiligungsstrukturen schaffen, die mehr meinen als bloß das übliche „irgendwie gehören alle dazu“ (Partizipation). Der Apostel Paulus stellt im ersten Korintherbrief unsere Strukturen in Frage, indem er die Bedeutung der scheinbar weniger begabten, der weniger angesehenen Gemeindeglieder hervorhebt (1. Kor. 12,23f). Nicht von wenigen religiösen Virtuosen lebt die Gemeinde, sondern von den vielen kleinen, unscheinbaren Diensten, die oft im Verborgenen geleistet werden. Für sie macht Paulus sich stark.

Lasst uns also nicht nur auf uns selber blicken – auf die Gemeinde der Altvertrauten und Bekannten, auf die Kerngemeinde. Entscheidend für einen gelingenden Konzeptionsprozess ist es, die Verschiedenen in unserer Stadt im Blick zu halten, die unsere Solidarität, unsere Stimme und Ermutigung, unsere Räume und Ressourcen brauchen. Gott traut jedem Menschen zu, auf seine Weise die Welt zu gestalten (Gen. 1,27f). Wir sollten versuchen, dies ernst zu nehmen und in diese Überzeugung in die Tat umzustehen (Empowerment).

Im Reformationsgottesdienst am 31. Oktober haben wir bekräftigt, dass es unsere Aufgabe ist, Menschen zu fördern und sie dabei zu unterstützen, gehört und gesehen zu werden. Im Sinne des Mottos „Tue deinen Mund auf für die Stummen“ (Spr. 31,8) ist es unser Auftrag in der Tradition des prophetischen Amtes, gesellschaftspolitisch einzutreten für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung (Advocacy).
Kirche sein für andere – im Sinne von E. Lange: Kirche im Alltag, die sich, anstatt sich selbst genügsam zu sein, mitten in die Wohn- und Arbeitswelt der Menschen begibt. Diese Überzeugung führt mich erneut zu unserem Dreiklang: Gemeinsam verantworten. Vielfältig gestalten. Mutig verändern!

Evangelisch in Essen – VIELFÄLTIG gestalten!

Eine inklusive Kirche in Essen zielt auf die Kunst des Zusammenlebens vieler verschiedener Menschen. Dabei trägt uns die Zusage der Gnade Gottes, die uns von der Angst befreit, nicht genug zu sein, und uns Kraft gibt zum Handeln.

Evangelisch in Essen – GEMEINSAM verantworten!

Gemeinsam verantworten meint im Sinne der Anwaltschaft: mit dem, was wir sind und was uns geschenkt ist, einzutreten für andere. Dabei sind wir aktuell besonders in der Friedensethik herausgefordert.

Als Evangelische Kirche treten wir zum Beispiel gerade in diesen Tagen besonders dafür ein, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Gleichzeitig können wir die Probleme, die bei der Unterbringung der Flüchtlinge entstehen, nicht verschweigen. Wie können wir hier in Essen unsere Solidarität deutlich machen? Mit unseren Gebeten verbinden wir uns über die Landesgrenzen hinweg mit denen, die unter Gewalt und Verfolgung leiden – und stärken gemeinsam unsere Hoffnung auf Frieden und Versöhnung. Wir setzen uns hier vor Ort für Flüchtlinge ein. Angesichts der großen Herausforderung und der Schwierigkeit, Flüchtlinge angemessen unterzubringen, unterstützen wir die Stadt Essen in ihrem Engagement. Als Kirche tun wir dies mit haupt- und ehrenamtlicher Begleitung – in der Flüchtlingsberatung durch das Diakoniewerk ebenso wie in vielen Kirchengemeinden durch konkrete Hilfe von Ehrenamtlichen, durch die Teilnahme an „Runden Tischen“. Immer steht dabei das Ziel im Mittelpunkt, den Dialog zwischen den Religionen und Kulturen zu fördern. Wir sollten immer wieder prüfen, ob unser kirchliches Engagement verstärkt werden kann.

Doch nicht nur die Situation der Flüchtlinge bedrückt mich. Durch die Kriegshandlungen im Nahen Osten sind auch in unserer Stadt Antisemitismus und Islamfeindlichkeit aufgeflammt, von der wir uns als Kirche mit allem Nachdruck distanzieren. Mit dem Initiativkreis der Religionen in Essen haben wir am 31. Juli vor der Marktkirche ein Zeichen für ein friedliches Zusammenleben gesetzt und deutlich unsere Solidarität mit der jüdischen Gemeinde bekundet! Dabei verurteilen wir jede Form von Antisemitismus – ebenso wie jede Form von Islamfeindlichkeit! Ich bin dankbar, dass es auf israelischer und auf palästinensischer Seite trotz allem immer noch Menschen gibt, die nicht schweigen, sondern die das Gespräch und die Verständigung suchen. In der Kunst des Zusammenlebens sind wir auch im interreligiösen Dialog herausgefordert. Ganz im Sinne unseres Leitworts:

GEMEINSAM verantworten. VIELFÄLTIG gestalten. MUTIG verändern.

Ich möchte Sie hiermit noch einmal ausdrücklich einladen: Was ist Ihnen wichtig, wenn Sie an die zukünftige Gestalt der Evangelischen Kirche in Essen denken? Worauf kommt es an? Woran sollen wir uns bei der Entwicklung einer tragfähigen Grundlage für unsere Arbeit orientieren? Und wie kann der Verständigungsprozess darüber gelingen? Schon heute sage ich herzlichen Dank für jeden Kommentar, jede persönliche Anregung und für Ihr Mitwirken, auf vielerlei Weise.

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